Zeit: Gegenwart

Ort: Unterleuten, ein Dorf in der Prignitz/Brandenburg

Streitparteien: Kron, Rentner und Kommunist und Gombrowski, Geschäftsführer der Ökologica GmbH, beide ehemalige Mitglieder der LPG in Unterleuten, beide nicht beliebt im Dorf.

Juli Zeh hat eine eigene Website zu „Unterleuten“ angelegt, um ihr Dorf noch gegenwärtiger und realer wirken zu lassen. Dort werden die beiden Kontrahenten folgendermaßen charakterisiert:

„Name: Kron
geboren: 1954 in Unterleuten
Beruf: ehemaliger Brigadeführer in der LPG »Gute Hoffnung«
Beziehungen: Krons Frau hat in den Westen »rübergemacht«, als Tochter Kathrin (heute 35) zwei Jahre alt war. Schwiegersohn Wolfi, Enkelin Krönchen (5). Schon immer ist Kron der Erzfeind von Gombrowski.
Besondere Merkmale: Steifes rechtes Bein, läuft mit Krücke.
Hervorstechende Eigenschaften: Liebt Krawall und macht Krawall

Kron besaß ein gutes Gedächtnis, was eher Strafe als Segen war. Ein gutes Gedächtnis arbeitete als ständiger Protokollant der Ungerechtigkeit. Es machte das Staunen unmöglich und lehrte zu schweigen. Niemand mochte Menschen, die sich alles merkten. Kron, der Chronist. Einer, der sich weigerte zu vergessen, und dafür mit Einsamkeit bezahlte.“ Er kommt als einziger Zuhörer zu den Gemeinderatssitzungen, kritisiert, prüft und verlangt Nachweise. Kron will an seiner Enkeltochter Krönchen alles wiedergutmachen, was ihm misslungen war.

„Name: Rudolf Gombrowski
geboren: 1947 in Unterleuten
Beruf: Landwirt, Geschäftsführer der Ökologica GmbH, früher Vorsitzender der LPG »Gute Hoffnung«
Beziehungen: verheiratet mit Elena Gombrowski, geb. Niehaus.
Beste Freundin: Hilde Kessler. Jeder im Dorf schuldet ihm was.
Besondere Merkmale: Sieht aus wie sein eigener Hund, eine Mastiff-Hündin
Hervorstechende Eigenschaften: Laut und manchmal grob, aber schlauer als man denkt.

Wenn alle zufrieden seien, sagte Gombrowski, hätten am Ende auch alle den größten Nutzen. Das sei das Schöne in Unterleuten. Man schaffe es immer, sich gütlich zu einigen. Gombrowskis Leben war ein Kampf für die Ökologica, ein Kampf für Unterleuten und für die ganze Region, während sich alle anderen die Zeit damit vertrieben, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen…“ Gombrowski hat die LPG als Vorstand in eine GmbH überführt und damit aus seiner Sicht die Arbeitsplätze gerettet. Aus Krons Sicht hat er sie sich unter den Nagel gerissen. Er wird für einen Kapitalisten gehalten, weil er aus einer Grundbesitzerfamilie stammt, ist es aber nicht. Er kämpft für Unterleuten, für seine Frauen, niemand dankt es ihm. Er trifft seine Entscheidungen gern allein.

Dieser Roman ist ein einziger Konflikt und lebt von den verschieden verknüpften Dorfkonflikten. Das „Sich-gütlich-Einigen“ gelingt eben meistens nicht, ist mehr Wunsch denn literarische Wirklichkeit. Insofern habe ich lange überlegt, welchen Konflikt ich herausgreifen soll. Natürlich bieten sich die Beziehungskonflikte der „rausgezogenen“ Städter-Paare an und sehr gereizt hat mich eine Konfliktmoderation in der Bürgerversammlung zum Windpark zu gestalten, aber letztlich ist der Ursprungskonflikt der interessanteste und wichtigste im Roman. Er ist es, der die Eskalation und Dynamik zwischen Kron und Gombrowski antreibt. Dass es schlimm kommen kann, erzählt das Buch. Dass es niemand bis zum Schlimmen denkt, erzählt schon der Klappentext: „Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches.“ In der Konflikt-Fachsprache nennen wir das die „Blackbox“, für die niemand die Verantwortung übernehmen will, weil jeder „nur“ auf die Ungeheuerlichkeit des Anderen reagiert. Insofern will der Zeitpunkt meiner Einmischung wohl überlegt sein.

Ich habe mich für den Moment entschieden, bevor die Bürgerversammlung stattfindet, um die Bürger_innen über den kommenden Windpark zu informieren und die Entscheidung darüber vorzubereiten, auf welchem möglichen Grundstück der Windpark entstehen soll. Wie auch in der Realität sind viele Bürger_innen grundsätzlich gegen einen Windpark (Es gibt im deutschsprachigen Raum mehrere Mediationen zum Thema Windpark). Die beiden Protagonisten wundern sich darüber, dass sie keine Informationen darüber haben, worum es in der Versammlung geht. Besonders Gombrowski, der sogar mit Bürgermeister Arne Seidel Skat spielt, findet das ungewöhnlich. Hier deutet sich schon an, dass der Bürgermeister, obwohl von den meisten im Dorf auf Seiten Gombrowskis gedacht, doch nunmehr in die Mitte rückt und unparteiisch wirkt. Er ist also für mich der geeignete Mann, um die Mediation zu initiieren und zu begleiten, aber nicht unparteiisch und kompetent genug, um sie durchzuführen. Er holt sich die Mediatorin Frau Leutenegger an seine Seite und bittet als „Übersetzerinnen“ der jeweiligen Partei Tochter Kathrin für die Kron-Seite und Betty Kessler für die Gombrowski-Seite hinzu. Die Mediatorin hat darauf aufmerksam gemacht, dass Jahrzehnte alte Dorfkonflikte nicht einfach so beigelegt werden, sondern mehrere Ebenen der Vermittlung brauchen. Die Frauen schildern ihre Sicht der Dinge und erweitern den Horizont der Streitenden.

An der Seite von Kron:
„Name: Kathrin Kron-Hübschke
geboren: 1975 in Unterleuten
Beruf: Pathologin in Neuruppin
Beziehungen: verheiratet mit Wolfi Hübschke, Tochter Krönchen. Schwierige Freundschaft mit Bürgermeister Arne Seidel
Besondere Merkmale: ist nach Unterleuten zurückgekommen, obwohl sie im Westen hätte Karriere machen können.
Hervorstechende Eigenschaften: hat immer ein schlechtes Gewissen.

Für Kathrin war Unterleuten nicht nur ein beliebiger Punkt auf der Erdoberfläche, an dem sich zweihundert Individuen zufällig zum gemeinsamen Leben versammelt hatten. Unterleuten war ein Lebensraum, eine Herkunft, ja, sogar eine Weltanschauung Lebensräume konnten vergiftet, eine Herkunft zerstört und Weltanschauungen in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Um keinen Preis wollte sie in den Verdacht geraten, die demonstrative Miesepetrigkeit ihres Vaters geerbt zu haben. Mit anderen Worten, Krons schlechte Laune hatte pädagogische Qualität. Kathrin fand sie so peinlich, dass sie sich unausweichlich zu einem sonnigen Gemüt verpflichtet fühlte. Außerdem hasste sie es, wenn ihre Stimme schrill wurde. Es bedeutete, dass Krons Peinlichkeit auf sie übergriff. …“ Sie interessiert sich im Verlauf der Geschichte immer mehr dafür, was 1991 wirklich damals auf der Lichtung im Wald während des Gewitters geschehen ist.

An der Seite von Gombrowski:
„Name: Betty Kessler
geboren: 1979 in Unterleuten
Beruf: Landwirtin. Assistentin der Geschäftsführung in der Ökologica GmbH
Beziehungen: Tochter von Hilde Kessler und wahrscheinlich Erik Kessler.
Besondere Merkmale: Sieht Rudolf Gombrowski ähnlich, obwohl sie angeblich nicht seine Tochter ist.
Hervorstechende Eigenschaften: Liebt ihre Arbeit in der Ökologica, ist bedingungslos loyal gegenüber Gombrowski.

Mit siebzehn Jahren war Betty als Auszubildende in die Ökologica gekommen, hatte drei Jahre später den Abschluss als Landwirtin erworben und war seitdem mit dem Betrieb verheiratet. Wenn Gombrowski der Kopf der Ökologica war und Hilde die Seele, dann war Betty Arme, Beine und Verdauungsapparat.
Es gehörte zu ihren Eigenarten, für jeden Handgriff etwas zu viel Kraft aufzuwenden. Wenn Betty eintrat, schlug die Tür mit einem Knall gegen die Wand, der Gombrowski auffahren ließ. Sie hatte weder die Zierlichkeit noch die geringe Körpergröße ihrer Mutter Hilde geerbt…“ Betty versucht die Dinge im Fluss zu halten. Zu viele Konflikte mag sie nicht.

Was vor der Mediation im Roman geschehen ist:

Die beiden neu hinzugezogenen Paare sorgen für Neugier und Ärger. Unterleutner mit partiellem Gedächtnisschwund Bodo Schaller ärgert das benachbarte Pärchen mit brennenden Autoreifen und rächt sich so für die Behördenbriefe, die der neue Nachbar Gerhard Fließ in seiner Funktion als Vogelschützer gegen den Ausbau der Scheune losgeschickt hat. Auch Neu-Unterleutnerin Linda Franzen, die eine Pferdezucht aufbauen will, wird von ihm mit Briefen darüber informiert, dass „bauliche Veränderungen die Unversehrtheit des Vogelschutzreservats gefährden“. Aber Franzen hat zusätzlich das Problem, dass sie noch Land für die Pferde dazukaufen muss und deswegen den Kontakt zu Investor Meiler sucht, der kurz nach der Wende 200 Hektar zur späteren Verwendung gekauft hat und damit ein angrenzendes für sie wichtiges Grundstück besitzt. Die Lage ist also gewohnt schwierig bevor die Einladung zur Bürgerversammlung an alle herausgeht.

Für Bürgermeister Arne Seidel steht viel auf dem Spiel. Seit ein junger Mann, Herr Pilz von der Vento Direct GmbH, der Windparkbetreiberfirma und das Ministerium sich bei ihm gemeldet haben und nach einem Präsentationstermin auf der nächsten Bürgerversammlung gefragt haben, läuft für ihn die Zeit.

Seine Ziele sind: die neuen Mitbürger_innen durch die alten Konflikte und Missstimmungen im Dorf nicht gleich wieder zu verjagen und zu vergraulen und die Einigung, auf wessen Flurstücken der Windpark gebaut wird, auf die Betroffenen zu verlagern. Denn wenn er das Flurstück für den Windpark ausweisen würde, was er theoretisch könnte, dann ist er noch mehr als bisher zwischen den Mahlsteinen des Dorfstreites. „Natürlich gab es immer wieder Reibereien, die der Bürgermeister zu schlichten hatte.“ Aber das war eine Nummer zu nah dran. Er ist froh, auf die Idee mit der Mediatorin gekommen zu sein. Die wird das Kind schon schaukeln und wenn nicht kann er die Verantwortung auf sie abwälzen.

Er informiert per Brief alle vier von einem wichtigen Gespräch im Vorfeld der Bürgerversammlung, die in zwei Wochen stattfinden wird und erwähnt die hinzugezogene Mediatorin nur im letzten Satz: „Um das Gespräch in konstruktive Bahnen zu lenken, habe ich die Mediatorin Frau Leutenegger hinzugezogen. Sie ist zur Vertraulichkeit verpflichtet.“

Die Gedanken beim Erhalt dieses Briefes ähneln sich: „Hätte er mir auch beim Skat sagen können. Gombrowski „Wieder Porto aus Steuergeldern verschwendet“ Kron. Dafür habe ich eigentlich keine Zeit und hätte er mir neulich übern Gartenzaun erzählen können. Kathrin Kron. Und Betty fragt sich, „wie sie hilfreich sein könnte, wo Gombrowski doch schon dabei ist“. Arne hatte noch handschriftlich dazu geschrieben, als ob er Gedanken lesen könnte „…und dass Du ja kommst, Du bist wichtig“. Aber alle kommen und alle sind neugierig. Denn so eine Runde gab es noch nie und schon gar nicht mit einer Mediatorin. Gehört hatte man davon ja mal, aber doch nicht hier in Unterleuten. „Dass so etwas nötig sein soll“, denkt Kron.

Arne Seidel begrüßte alle und stellte Frau Leutenegger vor: Sie sei erfahren in Umweltmediation ist und schon in anderen Landkreisen von Brandenburg erfolgreich tätig gewesen. Frau Leutenegger lächelt und setzt sich auf einen Stuhl im Kreis, hinter ihr steht ein Flipchart bereit. Arne meint, er wolle alle nicht länger auf die Folter spannen und gleich zum Punkt kommen. Er wisse, dass sich die Anwesenden nicht Grün seien und dass er das bedauere, weil er doch mehr Gemeinsamkeiten sähe. Er habe vor der Bürgerversammlung alle vier eingeladen, weil es direkt um die Interessen der Anwesenden gehe und er nicht wolle, dass man sich wieder zerfleische vor den Neuen in Unterleuten. Das könne jetzt mal aufhören, er wäre dessen müde. Frau Leutenegger nickt dazu. Kathrin Kron stimmt in das Nicken ein. Es ginge um die Absicht des Landes, in allen Landkreisen so viele Windparkanlagen wie möglich zu installieren, um die Vorgaben der Bundesregierung zu alternativen Energien zu erfüllen. Mehrere Flurstücke sind als windgeeignet ausgewiesen, darunter auch welche von Kron und Gombrowski. Es breitete sich Erstaunen im Raum aus und darauf vorbereitet übergab er das Wort an Frau Leutenegger. Sie werde jetzt versuchen, eine Entscheidungsvorbereitung herbeizuführen.

Gombrowski hakt nach: „Wozu denn?“

Frau Leutenegger: „Das ist eine gute Frage. Lassen Sie mich etwas ausholen und etwas zu meiner Rolle sagen. Sie kennen sich alle schon sehr lange, duzen sich. Ich kenne Sie gar nicht, habe auch Herrn Seidel erst neulich am Telefon das erste Mal gesprochen, als er mich von einer Liste des Ministeriums herunter anrief, auf der Mediator_innen für Gemeinwesen- und Umweltkonflikte gelistet sind. Ich werde vom Ministerium bezahlt für diese Arbeit. Ich entscheide nichts, sondern unterstütze Ihre Meinungsbildung und dass Sie sich auf ein Vorgehen einigen. Unser Gespräch hier ist vertraulich. Das Ergebnis ist halboffen.

Was feststeht ist, dass es auch in Ihrer wie in anderen geeigneten Gemeinden einen Windpark geben wird. Es sind mehrere mögliche Flächen als windgeeignet ausgewiesen. Es sollen 10 Anlagen gebaut werden und es geht jetzt darum, wo sie stehen sollen. Herr Pilz von der Vento Direct GmbH wird auf der Bürgerversammlung in zwei Wochen erklären, wo sie stehen könnten und wo die Vor- und Nachteile der Standorte liegen. Herr Seidel meinte, dass es sinnvoll ist, vor allem Sie beide, guckt Kron und Gombrowski an, einzuladen, weil zwischen Ihnen am meisten Streit herrscht. Ebenfalls betroffen oder begünstigt, wie man es nimmt, wären Frau Franzen und ein Herr Meiler, der nicht in Unterleuten wohnt.

Kron: „Das ist die Heuschrecke aus ‘m Westen, der die 200 ha gekauft hat und hier die Preise verdorben hat.“

Frau Leutenegger nickt ihm zu und erläutert das Vorgehen, während Arne einen Plan ausrollt.

Frau Leutenegger zeigt auf die 4 Grundstücke: „Eines ist am Rande Ihres, guckt Kron an, Waldgebietes. Es müssen mindestens 10 ha sein. Die anderen drei liegen auf der „Schiefen Kappe“ und jeweils zwei ergeben 10 ha. Das mittlere gehört Frau Franzen. Herr Gombrowski oder der nicht anwesende Herr Meiler müsste Frau Franzen zu einem Verkauf bewegen. Die Besitzer des Grundstücks, auf dessen Grund die Anlagen gebaut werden, verdienen daran pro Anlage 15.000 € im Jahr, weil sie es der Vento Direct verpachten. Wir hatten im Vorfeld überlegt, ob wir Frau Franzen und Herrn Meiler dazu einladen, uns dann aber für dieses Vorgehen entschieden. Wie gesagt wegen des alten Streites und um die Interessen und Bedürfnisse der Anwesenden zu klären. Wir, Herr Seidel und ich, stellen uns vor, dass wir im Vorfeld alle Fragen klären und Sie dann in Ruhe überlegen können. Wir hätten auch die Möglichkeit eine zweite Sitzung zu machen.

Wie sieht es aus, inwieweit haben Sie sich mit Windparkanlagen schon beschäftigt?“

Kron: „Macht Lärm, sieht blöd aus, ist nicht hier gewachsen.“

Gombrowski: „Natürlich müssen alternative Energien sein, besser als der Braunkohletagebau wie in der Lausitz ist es allemal.“

Frau Leutenegger schaut auffordernd zu Kathrin Kron und Betty Kessler.

Betty: „Wäre o.k. für mich, es gibt ja sicher einen Mindestabstand zu den Wohnhäusern, oder?“

Kathrin: „Wenn sie mir nicht vor der Nase stehen. Gibt es Studien zur Lärmbelastung?“

Frau Leutenegger: „Ja, es gibt unterschiedliche Studien, Sie können im Internet recherchieren und Herr Pilz wird Ihnen dazu auf der Bürgerversammlung etwas sagen. Es sind mindestens 1000 m Abstand einzuhalten zu den Wohnhäusern. Welche Fragen haben Sie noch?“

Kron: „Was ist, wenn wir im Dorf das grundsätzlich nicht wollen, was ist dann?“

Gombrowski: „Das ist ja wieder typisch! Immer dagegen sein, ohne alle Infos zu kennen.“

Frau Leutenegger: „Ich kann Ihre Frage gut nachvollziehen. Erstmal haben Sie die Möglichkeit zu einer Verpachtung Ihres Grundstücks „Nein“ zu sagen, dann liegt der Ball im Spielfeld der anderen Drei. Die Entscheidung, ob die Anlagen im Dorf gebaut werden, liegt nicht bei der Gemeinde, sondern in Neuruppin. Dann muss sich der Widerstand auf kommunaler Ebene gegen die Gebietsausweisung formieren. Das heißt, sie müssen sich im Landkreis insgesamt umhören, wie das Meinungsbild aussieht. Außerdem müssten die Anlagen und die Investition dann in einer anderen Gemeinde getätigt werden.“

Gombrowski: „Also ich wäre dafür. Das bringt der Ökologica dringend benötigtes Geld. Wenn ich es richtig verstehe, muss ich der Franzen ihr Land abkaufen?“

Arne Seidel nickt: „Ich gebe aber zu bedenken, dass Frau Franzen und Herr Meiler auch Briefe mit der Ausweisung von Eignungsgebieten bekommen haben und nun über alle Optionen und den Handlungsspielraum der Gemeinde informiert sind. Herr Meiler und Frau Franzen können sich ebenfalls zusammentun. Das gebietet die Fairness, dass sie diese Information als Betroffene auch bekommen haben. Ich möchte alle daran erinnern, dass die Gemeinde dringend Geld braucht, weil sie sonst Pleite geht.“

Kathrin wendet sich an ihren Vater: „Lass uns doch erst mal überlegen! Wir könnten das Geld auch gebrauchen. Und wir haben die Windräder nicht direkt vor der Nase. Wenn sie weit genug weg sind, ist das doch o.k. Zu Arne: Wieviel Bedenkzeit haben wir?“

Arne Seidel: „Ab sofort können Verpachtungsanträge an den Landkreis und die dortige Planungsgemeinschaft in Neuruppin und die Vento Direct gestellt werden. Entschieden wird erst zwei Monate nach der Bürgerversammlung. Die Gemeinde bekäme 200.000 € Gewerbesteuer.“

Gombrowski: „Wer entscheidet das letztlich?“

Frau Leutenegger: „Das entscheidet der Gemeinderat, in dem Ihr Bürgermeister Vorsitzender ist, aber er möchte das einvernehmlich entscheiden.“

Arne Seidel: „Ich sag´s mal ganz klar, wenn es dem Dorf egal ist, wo die Windräder stehen und zwei Anträge vorliegen. Drei geht ja nicht, weil die Franzen nur an einen verkaufen kann. Dann werfe ich eine Münze. Aber das glaube ich nicht, dass es dem Dorf egal ist. Ihr kennt sie genauso gut, wie ich. Denkt mal nur an den Vogelschützer. Was der sagen wird, kann ich schon singen.“

Kron: „Und Recht hat er. Dauernd so ´n neumodischer Kram, das ist doch noch alles gar nicht erwiesen, dass das nicht schadet. Und dann gibt’s nach 10 Jahren andere Studien, jaja. Unterdessen haben alle im Dorf ´nen Hörschaden, so ´n Tinnitus oder wie das heißt.“

Kathrin: „Also ich möchte die Bedenkzeit haben und in Ruhe mit meinem Vater reden können.“

Frau Leutenegger: „Ich kann Ihre Bedenken gut verstehen und möchte eine 10-minütige Pause machen, in der alle die Informationen verarbeiten und in der zweiten Runde weitere Fragen stellen können.“

Alle nicken erleichtert.

Frau Leutenegger nutzt die Pause, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, wo der Prozess angelangt ist. Die erste Phase der Informationsvermittlung ist gut gelaufen: Es gab keine größeren Ausbrüche, eher berechtigte Fragen. Die „Übersetzerin“ Kathrin Kron hat schon mehrfach unaufgefordert eingegriffen und ihren Vater zum Nachdenken aufgefordert, das hat sie gefreut. Der Urkonflikt, der hier zugrunde liegt und den auch der Bürgermeister nur angedeutet hatte, wurde noch nicht angesprochen und liegt auch 1991 während der LPG-Umwandlung oder noch davor in grauer Vorzeit. Da Kron das steife Bein seit 1991 hat, wird die Aufarbeitung im wahrsten Sinne des Wortes schmerzlich werden. Wenn Kron sich freiwillig zurückzieht und keinen Pachtantrag stellt, kommt der alte Konflikt auch nicht zur Sprache.
Wenn Kathrin jedoch die Familieninteressen wahrt und er ebenfalls einen Antrag stellt, dann wird die alte Feindschaft auf den Tisch kommen.
Sie beschließt das Thema erst beim zweiten Termin zu bearbeiten. Die Frage ist nur, wie sie heute schon die Motivation dazu erzeugen kann, dieses Thema beim nächsten Mal „anzufassen“. Vielleicht wäre es ein Weg, Betty zu fragen, was sie zum eigentlichen Streit der beiden Erzrivalen weiß und denkt. Wenn hier ein Kommunist und ein Kapitalist aufeinandertreffen (Seidel nannte die beiden so), dann ist das nicht nur ein ideologisch begründeter Konflikt, sondern auch ein biographisch gefasster. Jedenfalls muss sie es auf diese Ebene führen.
Die 10 Minuten sind um. Sie holt alle wieder herein. Draußen wurde geraucht. Die Männer standen allein und die beiden Frauen haben sich unterhalten. Arne Seidel stand bei den Frauen, wie die Mediatorin erfreut zur Kenntnis nahm. Die Frauen sind schon am Brücken bauen, dachte sie, ehe sie weitermachte.

Frau Leutenegger: „Bisher hatten wir eine konstruktive Stimmung, sind denn in der Pause noch Fragen aufgetaucht?“

Kron: „Wieso sollen nur die Flurbesitzer profitieren, aber alle den Schaden haben? Ich finde alle Einwohner sollten Anteilseigner werden.“

Frau Leutenegger: „Das ist ein interessanter Vorschlag. Herr Seidel wollen Sie etwas dazu sagen?“

Arne Seidel: „Kron, das bring mal in die Bürgerversammlung ein. Das würde voraussetzen, dass das Dorf insgesamt einverstanden ist und anfängt, mit dem vorhandenen Spielraum kreativ umzugehen.

Frau Leutenegger: „Vielen Dank, Herr Seidel, wir wollen die Meinungsbildung bei allen Beteiligten erst einmal abwarten. Herr Kron, ich notiere Ihre Idee und empfehle Ihnen, sie Herrn Pilz und dem Beamten vom Ministerium bei der Bürgerversammlung vorzutragen.“

Kron: „Ja, alles immer schön ausbremsen und aussitzen, das ist der neue Stil. Ich werde das schon rauskriegen.“

Kathrin Kron: „Heißt das, dass Du doch für die Windkraftanlagen bist?“

Kron: „Mal sehen, mal abwarten und Bier trinken.“

Frau Leutenegger: „Frau Kessler, können Sie mir sagen, worin denn der Urkonflikt zwischen den beiden überhaupt besteht. Wir müssten ja gar nicht hier sitzen, wenn die beiden sofort einer Meinung wären.“

Betty Kessler guckt überrascht: „Äh, na, ja, Kron wollte nicht, dass aus der LPG eine GmbH wird, mit Blick auf Gombrowski und dann kam das Gewitter und dann der Tod meines Vaters und danach war alles anders. Jetzt hat er ein Stück Wald und dieses Flurstück.“ Verstummt unsicher.

Kron: „Das ist doch nicht wahr. Er wollte mich bestechen: Statt aus der LPG eine Genossenschaft zu machen und die Gegner der Umwandlung auszuzahlen, sollte ich in die GmbH-Gründung einwilligen. Wenn das Gewitter und Eriks Tod nicht gewesen wären, könnte er sich nicht als Retter von Unterleuten aufspielen.“

Frau Leutenegger: „Es gab also 1991 einen Streit um die Art der Umwandlung der LPG und mehrere Auszahlungsbegehren? Und dieser Streit hat zwischen den Anwesenden in einem Waldstück stattgefunden in Anwesenheit von Frau Kesslers Vater?“ Betty nickt.

Gombrowski: „Was heißt denn Retter? Ohne mich wären hier schon alle weggezogen. Im Nein-Sagen ist er gut, aber die Genossenschaft bestand höchstens in seinem Kopf. Wir hatten noch einen Monat Zeit, dann musste die neue Rechtsform gefunden sein. Ende 1991 wäre die LPG liquidiert worden. Wer war denn bereit, das Risiko zu tragen und den ganzen Papierkram zu erledigen? Er ist ein alter Querulant. Seine Zeit ist abgelaufen.“

Frau Leutenegger: „Mir ist klar, dass diese Themen Sie sehr aufwühlen. Sie, zu Gombrowski gewandt ärgern sich über die Verkennung ihres Engagements und Herr Kron ärgert sich seit Jahren über vertane Chancen. Beide sind Sie daran interessiert, dass es mit Unterleuten aufwärts geht. Mit Blick auf die Zeit möchte ich an dieser Stelle beim nächsten Mal weitermachen.

Bitte klären Sie bis dahin, ob Sie ihr Flurstück verpachten wollen. Darüber hinaus versuchen Sie zusammen mit ihren Partnerinnen herauszubekommen, was Sie brauchen, um miteinander das Beste für die Gemeinde zu erwirken. Wir sehen uns in einer Woche zur selben Zeit wieder. Ist das für alle so möglich?“ Die zweite Aufgabe fiel ihr spontan ein, um die beiden auf ein gemeinsames Ziel hin einzustimmen. Sie war gespannt, ob es Widerstand geben würde.

Kathrin: „Ich bitte um einen Termin nach Dienstschluss um 18 Uhr.“

Frau Leutenegger mit Blick auf Arne Seidel: „Das können wir so machen. Sind alle anderen einverstanden?“

Alle nicken, nur Kron ruft: „Was hat das alles mit dem Windpark zu tun? Der alte Hund ändert sich doch nicht!“ Wirft Gombrowski einen kalten Blick zu.

Frau Leutenegger: „Diese Frage interessiert mich auch. Wer zu was bereit ist, darüber sprechen wir beim nächsten Mal. Ich gehe davon aus, dass alle Spielräume haben, sonst wären Sie nicht hier.“
Sie guckt aufmunternd in die Runde und schüttelt allen zum Abschluss die Hand.

Arne Seidel ruft allen in der Runde zu: „Danke, Leute, das war doch schon mal ein erster Schritt!“

Eine Woche später treffen sich alle um 18 Uhr beim Bürgermeister. Inzwischen hat sich im Dorf herumgesprochen, dass im Vorfeld der Bürgerversammlung eine „Sitzung mit einer Moderatorin von außerhalb“ stattgefunden hat. Arne Seidel hat sich aber strikt an die Vertraulichkeitsklausel gehalten und nur die Achseln gezuckt, wenn er angesprochen wurde. Frau Franzen wollte nach Erhalt ihres Briefes auch Genaueres wissen, das war ja klar. Er verwies sie aber auch auf die Bürgerversammlung und auf das Bauamt der Kreisstadt Plausitz, wo sie die Flurpläne einsehen könne.

Arne Seidel begrüßt die vier Hereinkommenden und fragt Kathrin, ob sie es gut geschafft habe und Krönchen schon im Bett sei. Sie nickt und lächelt.
Frau Leutenegger begrüßt ihrerseits und fragt nach den wie sie es nennt „Nachdenkergebnissen“.

Gombrowski meldet sich gleich zu Wort. Frau Leutenegger fragt die Anderen, ob sie einverstanden sind, dass Gombrowski beginnt. Die Frauen nicken,
Kron sagt: „Soll er vorausreiten.“

Gombrowski: „Ich möchte betonen, dass ich immer das Wohl von Unterleuten im Blick hatte. Schon mein Vater hatte das. Aus meiner Sicht war die ganze LPG-Zeit ein großer Unfug, mit Blick auf Kron, den Ihr Euch da ausgedacht habt. Es lief gerade gut, da wolltet Ihr alles kollektivieren. „Junkerland in Bauernhand“. Du hast Steine in mein Vaterhaus geschmissen und den Kornspeicher angezündet! Das war nicht Klassenkampf, das war Klassenhass!“

Frau Leutenegger: „Ich verstehe, dass Ihr Ärger noch weiter zurückgeht und sich auf die Umstellung der landwirtschaftlichen Flächen ihrer Familie auf LPGen bezieht. Sie waren politische Gegner von Anfang an. Stimmt das so?“

Gombrowski: „Genau und das ist noch heute so, bloß, dass die politische Großwetterlage mir jetzt eher in die Hände spielt. Aber als es galt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, hat Kron nur gemeckert, statt mitnachzudenken.“

Kron: „Ich weiß nicht, was das jetzt soll. Es gab gute Gründe für die Kollektivierung in großem Stil. Er profitiert doch heute von der Größe des Betriebs, sonst wäre er gar nicht wettbewerbsfähig. Ist ja auch alles kalter Kaffee. Es geht doch heute darum, wer das fetteste Stück vom Kuchen bekommt und da pass ich diesmal besser auf, dass das nicht wieder Gombrowski ist. Es hätten damals mehr Gelder an die alten LPG-Mitglieder ausgezahlt werden müssen, aber auch darum geht es mir nicht mehr. Ich möchte, dass alle, die die Windräder erdulden müssen, davon profitieren und nicht nur indirekt über die Gemeinde von der Gewerbesteuer.

Gombrowski ruft dazwischen: „Dann reich doch einen Antrag ein, hast doch genug Land und von wem haste das bekommen, nääh?“

Frau Leutenegger steht auf und geht dazwischen. „Herr Gombrowski, Sie haben gleich wieder das Wort. Ich möchte erstmal zusammenfassen, was ich eben von Herrn Kron verstanden habe. Für Sie war die Zwangskollektivierung der richtige Weg, um durch die Größe der Betriebe bis heute wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie hätten eine Genossenschaft als Form bevorzugt und damals mehr Abfindung bekommen wollen, aber heute geht es Ihnen mehr um die Verteilung des Gewinns aus den Erlösen des Windparks. Kron nickt triumphierend.

Ich sehe auf jeden Fall, dass wir hier keine politische Debatte über die Sinnhaftigkeit von LPGen führen können und auch die Umwandlungsprozesse ein anderes Thema sind. Für beide Themen können wir gern einen anderen Rahmen vereinbaren, wenn es Ihnen wichtig ist. Wofür wir aber eine Lösung finden können, ist, dass die jetzt anstehende Entscheidung gerecht für Sie beide und für die Gemeinde getroffen wird.
Sie weiß, dass die beiden jetzt Zeit brauchen, um sich zu beruhigen. Mit Blick auf Kathrin und Betty: „Wie sehen Sie das?“

Kathrin: „Ich bin dafür, dass wir einen Verpachtungsantrag stellen. Eine Anteilseignerschaft an der Vento Direct in Unterleuten fänd´ ich auch gut, also, dass jeder hier Anteile bekommt, so habe ich das verstanden. Ich habe das mit meinem Vater auch so besprochen, dass ich das als Idee in die Bürgerversammlung einbringen werde.

Betty: „Ich möchte zu bedenken geben, dass die Ökologica möglicherweise ohne diese zusätzliche Einnahme nicht überlebt. Im Gegensatz zu Krons Überzeugung, sind wir nämlich kein Massenbetrieb, sondern ein kleiner, feiner ökologischer, der die Krise der rückläufigen EU-Subventionen überstehen muss bis die regionale Nachfrage hoffentlich wieder anzieht. Mein Chef wird auf jeden Fall einen Antrag stellen, wenn Frau Franzen an ihn verkauft. Die Idee, dass wir Anteilseigner werden, finde ich sowieso gut. Darüber hinaus könnte die Vento Direct alle Maßnahmen, mit denen wir bisher das Dorf unterstützen, übernehmen.“

Frau Leutenegger: „Was meinen Sie damit?“

Betty: „Na, die Spenden an die Freiwillige Feuerwehr, die Kita, das Dorffest. Na, alles damit der Laden hier läuft.“

Gombrowski: „Genau, das wird hier immer vergessen, dass es so vieles gibt, was es ohne die Unterstützung der Ökologica nicht gäbe.“

Frau Leutenegger: „Ich fasse zusammen: Sie wollen beide einen Antrag stellen und sind beide dafür, die Bewohner von Unterleuten zu Anteilseignern der Vento Direct-Unterleuten zu machen. Sie haben gehört, dass Herr Seidel dann eine Münze werfen wird. Welche Möglichkeiten sehen Sie noch? Frau Leutenegger schreibt „Optionen“ ans Flipchart und unter „1. Münze werfen 2. Einer zieht zurück 3…“.

Kathrin: „Man könnte die Gewinne auch aufs Dorf verteilen. Das mit der Münze fänd´ ich echt doof. Und außerdem könnte beim Losen ja auch die Variante „Franzen plus der Wessi“ gewinnen.“

Betty und Gombrowski gleichzeitig: „Nein, Münze werfen ist Kinderkram, überlegt doch mal!“

Kron: „Da bin ich mal ausnahmsweise auch Eurer Meinung“ Und zu Gombrowski gewandt in ironischem Ton: „Stell Dir vor, ich will gar nicht, dass die Ökologica pleitegeht. Ich will, dass du nicht nur Dein missratenes Kind an den Gewinnen beteiligst, sondern alle hier.“

Frau Leutenegger zu Kron:“ Bitte versuchen Sie niemanden zu beschimpfen, auch wenn sie nicht anwesend ist“. Kron schnaubt. „Ich höre sehr viele Gemeinsamkeiten heraus, aber auch, Herr Kron, dass Sie vielleicht ihren Antrag unter bestimmten Bedingungen zurückziehen würden, ist das richtig so?“

Kron guckt ein bißchen verdattert: „Ja, das habe ich nicht gesagt, aber das meinte ich genauso. Ich würde meinen Antrag nicht stellen, wenn die Franzen auch zurückzieht und dafür alle Anteilseigner werden und der Gewinn aus den Windanlagen zu mind. 50% in die Gemeindekasse fließt zusätzlich zur Gewerbesteuer. Und wir alle davon z. B. ein Abwassersystem finanzierten.

Jetzt gucken alle überrascht. Kathrin ruft: Davon hast Du mir noch gar nichts erzählt! Kron lächelt stolz.

Frau Leutenegger schreibt eifrig mit und Arne Seidel kann es nicht fassen. Er sagt: „So viel Einigkeit war nie.“

Frau Leutenegger: „Ich hätte nicht gedacht, dass hier so viele Vorteile für die Gemeinde sichtbar werden. Meine Hochachtung, das erlebe ich selten.“

Gombrowski: „Moment mal, das ist alles gut und schön, aber Frau Franzen hat erstens noch keine Unterschrift geleistet und zweitens sind 50% ganz schön viel. Er guckt zu Betty: „Das müssen wir erstmal durchrechnen.“

Betty sagt: „Habe ich schon gerechnet, könnte gerade noch so hinhauen.“

Frau Leutenegger: „Ich fasse zusammen. Alle sind für eine Anteilseignerschaft der Bürger an der Vento Direct und Herr Kron würde auf seinen Verpachtungsantrag verzichten, wenn die Ökologica ihre Gewinne an den Windkraftanlagen zu 50% an die Gemeinde zahlt. Vorausgesetzt Frau Franzen würde auch zurückziehen.
Da sind noch sehr viele „Wenns“ drin, wir brauchen auch einen Plan B.“ Alle nicken.

Kron wirft ein: „Und bei der Gelegenheit würde ich es gut finden, wenn die Bilanzen der Ökologica mal dargelegt würden und wie so die Prognosen sind. Denn wenn wir hier demnächst das Vogelparadies sind und wir alle hier nur noch von Orni-Touristen überschwemmt werden, die sicher nicht die Kampfläufer in die Rotoren fliegen sehen wollen, dann sollten wir das Ganze neu bedenken.“

Arne Seidel: „Ja, da ist was dran. Aber die Zahlen kann ich mal bis zur Bürgerversammlung auch raussuchen, inwieweit die Gemeinde von diesem Tourismus profitiert. Sabine und Silke vom Märkischen Landmann sagen, dass das ganz schön zugenommen hat. Und der Fließ will uns ja hier sowieso allen Brutkästen an die Häuser hängen.“

Frau Leutenegger: „Dann besteht soweit Einigkeit, diese Informationen bis zur Bürgerversammlung zu besorgen. Wie sähe ein Plan B aus?“

Kron: „Wenn die Franzen nicht an Gombrowski verkauft, dann würde ich in der Bürgerversammlung vorschlagen 50% meines Gewinns mit der Kommune zu teilen, sollte ich den Zuschlag vom Gemeinderat bekommen und vorausgesetzt meine Tochter ist einverstanden. Auch damit alle verstehen, dass ich es ernst meine. Und der Wessi versteht, wie das in Unterleuten läuft.“ Schaut zustimmungsheischend zu seiner Tochter.

Kathrin guckt erstaunt und sagt: „Darüber haben wir ja noch Zeit zu reden. Aber ist vielleicht keine schlechte Idee.“

Frau Leutenegger: „Die Idee wird auch festgehalten als Plan B. Sie notiert. Vielleicht gibt es ja noch weitere Varianten. Gibt es zwischen den Anwesenden darüber hinaus noch etwas zu klären?“

Kron guckt fragend zu Gombrowski.

Gombrowski: „Lass mal rausgehen hinterher.“ Kron nickt.

Frau Leutenegger: „Ich freue mich sehr über das Ergebnis dieser Besprechung, sie bekommen ein Foto dieser Mitschrift vom Bürgermeister zugeschickt. Ich wünsche Ihnen für die Bürgerversammlung alles Gute.“ Sie schüttelt allen die Hände.
Wie früher, denkt Kathrin.

Draußen bei einer Zigarre fragt Kron Gombrowski: „Mal außerhalb vom Protokoll: Wieso hast Du mir diesen Schwachmaten Schaller auf den Hals gehetzt damals, wolltest Dir nicht selbst die Hände schmutzig machen, was?“

Gombrowski guckt unruhig: „Ich hatte Sorge, dass Ihr mit Eurer Weigerung alles, ganz Unterleuten kaputt macht und dachte nur noch daran, wie Du damals auch mit den roten Horden bei uns Steine geschmissen hast. Du solltest einmal meiner Einschätzung folgen.“

Kron: „Also Rache?

Gombrowski: „Ja, wenn Du so willst. Überlegt kurz und fragt dann unsicher: „Sind wir denn jetzt quitt?“

Kron: „Ganz ehrlich? Nicht wirklich. Am liebsten würde ich Dir wegen der Umwandlung immer noch einen Prozess an den Hals hetzen. Ich habe ein Gutachten gelesen von einem gewissen Prof. Bayer, dass das alles nicht rechtens damals war mit den Abfindungen und der Umwandlung. Ist auch noch nicht verjährt. Aber ich habe keinen Bock drauf und schmutzige Wäsche vor anderen Leuten waschen, machen wir hier doch nicht. Mir ist das neue Abwassersystem wichtiger, dass es nicht mehr stinkt, wenn die Gruben überlaufen. Und dass wir hier an einem Strang ziehen endlich mal. Ich werde alt.“ Klopft auf sein steifes Bein.

Gombrowski erleichtert: „Da bin ich froh, ich mach nämlich nicht mehr lange. Da kann jetzt Betty ran.“

Kron überrascht, aber zufrieden: „Ja, lassen wir die Frauen jetzt machen. Wir könnten der Franzen was anbieten für ihren Verzicht. Vielleicht fällt Dir was ein. Und für mein Bein kannste mir noch mal was Gutes tun. Ich lasse es Dich beizeiten wissen.“

Gombrowski einvernehmlich: „Wollen mal sehen. Er streckt seine große Hand aus: Frieden?“

Kron schlägt ein und lacht: „Auf Abruf, alter Hund!“ Sie lachen beide und gehen auseinander.

Frau Leutenegger sieht die beiden beim Wegfahren aus dem Auto heraus und denkt, manches muss unter vier Augen bleiben, obwohl sie zu gern Mäuschen gespielt hätte. Aber das gehört zu ihrem Beruf, dass sie selten vom schönen Ende hört.

Wie es im Roman ohne Mediation weitergeht:

Nach der Bürgerversammlung, auf der alle zum ersten Mal hören, dass es einen Windpark geben soll und noch niemand erfährt, wer die ausgewiesenen Flurstücke besitzt, spaltet sich das Dorf in Gegner_innen und Befürworter_innen. Noch sind wenige dafür, außer Gombrowski und Franzen. Letztere hält sich aber mit ihrer Meinung zurück, um es sich nicht zu verscherzen mit denen, von denen sie Unterstützung braucht. Kinder werden vermißt und dafür werden Schuldige gesucht. Es kommt zu einer direkten körperlichen Auseinandersetzung zwischen Kron und Gombrowski, nachdem Kron fast das ganze Dorf hat Glauben machen, dass Gombrowski dessen Enkeltochter eine Weile eingeschlossen hat. Sie prügeln sich, nachdem bei Gombrowski von mehreren Leuten Fenster eingeschlagen wurden. Linda Franzen mischt sich mit einem genialen Ablenkmanöver ein und kann Schlimmeres verhindern. Die Konflikte eskalieren bei allen Beteiligten. Gerhard Fließ verprügelt seinen Nachbarn Schaller.

Am Ende trennen sich die beiden neu hinzugezogenen Paare. Drei von den Vieren ziehen wieder weg. Frederik Franzen hat einen schweren Unfall nach einem Streit mit seiner Frau und nur der Vogelschützer Fließ bleibt im Dorf. Alle Frauen von Gombrowski verlassen ihn. Nur Betty bleibt. Gombrowski übergibt ihr testamentarisch die Geschäfte und bringt sich um. Noch mit seiner Leiche in der neuen Wasseranlage versucht er dem Dorf zu schaden.

Bürgermeister Seidel wechselt endgültig die Seite, vergibt die Windparkpacht an Kron und gibt die Geschäfte an Kathrin Kron ab. Letzteres ist einer der wenigen Lichtblicke in dem düsteren Panorama, das Juli Zeh von Unterleuten malt.

Hier eskalieren nicht nur die Unterschiede zwischen Städtern und Landbewohnern, Ossis und Wessis, sondern auch zwischen denen, die mit Konfliktpartnern sprechen wollen und können und denen, die glauben, andere manipulieren zu können. Unterleuten wie jedes andere Dorf ist eben kein „Instrument, auf dem ein Virtuose jede beliebige Melodie erzeugen konnte.“

Es ist ein Gewinn dieses Romans das ganz deutlich werden zu lassen.

Weiterführende Links:

Landlust und Städtersehnsucht. Juli Zeh interviewt von Christine Olderdissen

Gutachten Prof. Bayer zu LPG-Umwandlungen (PDF)

Der LPG-Skandal, MDR 11.07.2016 (Youtube)

Bürgerversammlung mit Mediation zum Thema Windkraft in Hattendorf

Agrarpolitik und Krisenmanagement. Die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR (1952–1961) Jens Schöne (PDF)

Streit im Dorf, Märchen der Yoruba, zitiert nach Ansgar Marx